Weiblicher Golem


Dieses Blatt zeigt eine Bleistiftzeichnung. Sie reiht sich ein in die „automatischen“ Zeichnungen, also diejenigen, die zwar nicht nebenbei, aber mit gebremsten Verstand entstehen, wie die Telefonbilder auch. Es ist eine meditative Arbeit, die nicht hinterfragt oder plant wie in anderen Bildern, sondern den Bleistift dorthin gehen lässt, wo er will. Später dann mache ich mir Gedanken, was hier entstanden ist.

Ich kann mich erinnern, daß mir die Zeichnung gefiel, nachdem ich sie fertiggestellt hatte. Für mich handelt es sich um eine Figur, die konzentriert nach vorne schaut. Darüber hinaus ist die Figur aber auch fest mit dem Boden verbunden, als würde sie daraus erwachsen. Zeichnerisch setzt sich das Erdige des Sockels in der weiteren Figur fort, akzentuiert durch die Ecken und Kanten.

Das bringt mich zur Assoziation und letztendlich zum Titel: Weiblicher Golem

Der Titel entstand nicht mit der Fertigstellung des Bildes, sondern erst einige Jahre später. Er bezieht sich auf eine jüdische mittelalterliche Sage, die verschiedene Ausschmückungen durch die Jahrhunderte erfahren hat. Eine der bekanntesten ist die Geschichte des Golems von Prag, der von Rabbi Löw um 1750 erschaffen wird. In einer Filmversion (eigentlich drei Filmen) in den frühen 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, wird der Golem von Paul Wegener gespielt, einem deutschen expressionistischen Filmstar des Stummfilms. Diese Figur gehört zu den Archetypen des frühen Horrorfilms und ist ein Klassiker. Der Golem ist ein Klumpen Erde, der durch Beschwörungen aus der Kaballah zu Leben erweckt wird und ihm aufgetragene Arbeiten erledigen kann. Er ist aber Befehlsempfänger und nicht gerade der Hellste 🙂

Das habe ich in meiner Figur gesehen, deshalb der Titel.

Das Bild ist auf einem einfachen Stück Blockpapier mit Bleistift gezeichnet worden. Man sieht oben schon die Verfärbung durch das Sonnenlicht (schlechtes Papier). Es ist 22,5×29 cm groß. Das Passepartout ist 40×50 cm groß. Die Arbeit entstand 1988.

 

Advertisements

3 Kommentare zu “Weiblicher Golem

  1. Da gibt es einen tollen Roman dazu von Benjamin Stein. Fand ich richtig gut die Geschichte um den Golem. Hat mich spontan daran erinnert. Tolles Bild !

    Gefällt mir

    • Alex sagt:

      Danke! Es gibt einige tolle Geschichten, auch eine bekannte von Gustav Meyrink (1913).
      Aber die von Benjamin Stein folgt der Geschichte, die auch in den alten Filmen erzählt wird. Es gibt in der deutschen Literatur vielfache Bezüge und zeigt, wie verzweigt die jüdische Erzähltradition mit der christlichen verwoben ist.
      Ich finde das Thema interessant, weil es einen Urtraum/Alptraum der Menschheit beleuchtet: den Homunculus, den von Menschen geschaffenen Körper und alle damit verbundenen Fragen und Schwierigkeiten. Eine sehr aktuelle Frage, wie ich finde.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s