Nachtkrapp


In den 80er Jahren malte ich ein paar Bilder, die versuchten in der Tradition von Goya oder auch den Surrealisten Inneres nach aussen zu kehren.

Dabei fiel mir eine alte Angst ein, die mir als kleiner Bub eingeimpft worden war. Unsere erste Wohnung in Deutschland lag in einem kleinen Ort im Odenwald in der Nähe von Weinheim namens Unterflockenbach, das heute Gorxheimertal heisst. Ich war dort zwischen 3 und 6 Jahre alt und erlebte an sich eine Naturidylle mit Bach, viel Natur und Wald, und Kindergartenfreundschaften.

Aber es gab auch die Dörfler, die teilweise sehr rabiate Erziehungsmethoden hatten… und ich war eher sensibel 🙂

Jedenfalls wohnten wir in einer Einliegerwohnung oberhalb einer Gastwirtschaft und die Gastwirte, ein Mutter/Tochtergespann ohne Männer schauten nach mir, wenn meine Eltern arbeiteten.

Daher kam es vor, daß ich (in der dunklen Jahreszeit) erst dann nach Hause konnte, wenn es draussen schon dunkel war. Es waren zwar nicht mehr als 10-15m bis zur Treppe in den 2. Stock, aber die Dörfler machten sich einen Spaß damit zu sagen, daß, sollte ich mich nicht beeilen, der Nachtkrapp käme um mich zu holen.

Viel später hab ich recherchiert, daß dieser Nachtkrapp, ein sehr großer Rabenvogel, fast überall in Deutschland und Österreich als Mythos unterwegs war (und vielleicht noch ist).

Ich kann mich jedenfalls dran erinnern, daß ich nie schneller gelaufen bin als damals mit echter Angst im Nacken.

Die Angst vor dem Nachtkrapp hat sich irgendwann  gelegt, aber die Nachwirkungen hab ich immer wieder gespürt. Ich bin früher manche Abende mit dem Fahrrad durch den Wald gefahren, gerne auch ohne Dynamo, weil es dann schneller ging und die Nachtsicht irgendwann einsetzte. Wenn es aber dann hinter einem zu knacken begann, war das alte Gefühl auf einen Schlag da, irrational und groß.

 

Es gibt hier eine Vorzeichnung mit Bleistift, für die Übermalung benutzte ich Ölpastellstifte von Caran d’Ache teilweise hab ich sie gelassen wie sie waren, aber teilweise hab ich sie mit einem Pinsel mit Terpentin übermalt, weil der das Wachs auflöst und einen malerischeren Ductus erlaubt.

Ich wollte in dem Bild hauptsächlich die Dynamik der Bewegung und das Gefühl der Bedrohung wiedergeben, das ich damals empfand.

Das Bild hat eine Größe von 27×34 cm, das Außenmaß des Passepartouts ist 40x50cm. Das Papier ist nicht grundiert. Das Entstehungsjahr ist 1987.

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9 Kommentare zu “Nachtkrapp

  1. bag sagt:

    Super geschrieben. Diese Urangst haben sicher viele, wenn nicht alle. Nur zugeben will es keiner.

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  2. Alex sagt:

    Ich glaub eher, daß die Meisten nicht mehr daran denken, was sie damals schreckte. Man hat heute sowenig Zeit zu reflektieren…

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  3. Wili sagt:

    Wenn mich dein Nachtkrapp auch eher neugierig macht, sehe ich doch die Angst, die der Mensch vor dem Vogel zu empfinden scheint.

    Ich lerne wirklich viel von dir und nebenbei mehr über dich, das ist wirklich toll und ich bin dir sehr dankbar.

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  4. Dina sagt:

    Mich ärgert immer wieder wie dumm manche Erwachsene sind, wenn es darum geht, was man Kindern erzählt. Ich war ein eher ängstliches Kind und kenne das Gefühl, dass du meinst nur zu gut. Zum Glück hat sich das verwachsen 😉 Und super, dass du das in einem Bild eingefangen hast!

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  5. ichkoche sagt:

    Hi Alex, Nachtkrapp hin oder her, deine Arbeit ist super klasse.Man hat schon länger gemerkt , Du bist schwer brandgezeichnet mit dem Kreativitätsmal…Besten Gruß Jacob

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  6. Ich bin beeindruckt, wie lebendig und nachdrücklich du die Stimmung verbildlicht hast.
    Ich fühle einen kurzen Galopp des Herzens mit aufgerissenen Augen und einem übergroßen Ausrufezeichen.
    Klingt möglicherweise seltsam, ist aber die beste Übersetzung des Gefühls, die ich bieten kann.
    LG Oli

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    • Alex sagt:

      Ich finde, Du hast das Gefühl sehr gut ausgedrückt. Fehlt nur noch die Furcht, sich umzudrehen, weil man dann sehen könnte, daß man nicht mehr entkommen kann (oder zur Salzsäule erstarrt). 🙂
      LG Alex

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